Im Kreis Heinsberg ist Landschaft eine verhandelbare Größe. Felder werden zu Gewerbeflächen, Wege verschwinden, Grünzüge schrumpfen um jeweils ein paar Hektar. In Frankfurt am Main hat die Stadt 1991 den umgekehrten Weg gewählt und ihre Freiflächen rechtlich festgeschrieben.
Ein Beschluss ohne Gegenstimme bindet auch künftige Mehrheiten
Am 14. November 1991 beschlossen die Frankfurter Stadtverordneten einstimmig die sogenannte GrünGürtel-Verfassung, damals unter dem Umweltdezernenten Tom Koenigs. Der Begriff ist bewusst gewählt: Es handelt sich nicht um einen Landschaftsplan, sondern um ein Regelwerk, das die Freiflächen dem alltäglichen Zugriff der Stadtentwicklung entzieht.
Auf das Wort einstimmig kommt es an. Ein Beschluss, der ohne Gegenstimme fällt, überlebt Mehrheitswechsel.
Für eine Kommune, die um jede Ausgleichsfläche einzeln ringt, liegt die verwertbare Information im Verfahren. Frankfurt hat den politischen Preis einmal bezahlt und danach nicht mehr jede Fläche einzeln verteidigen müssen. Der GrünGürtel der Stadt Frankfurt ist damit weniger ein Naherholungsgebiet als eine Selbstbindung.
Im GrünGürtel liegt ein Drittel der Frankfurter Stadtfläche
Der GrünGürtel umfasst etwa 8.000 Hektar. Frankfurts gesamtes Stadtgebiet betrug 2023 nach Angaben des städtischen Statistikportals 24.831,3 Hektar, also 248,3 Quadratkilometer, ein Wert, der über die letzten fünf Jahrzehnte konstant geblieben ist. Damit liegen rund 32 Prozent der Stadt im GrünGürtel.
Kleingärten und Streuobstwiesen sind die politisch schwierigsten Posten
Etwa die Hälfte dieser Fläche ist Wald, ein Fünftel wird landwirtschaftlich genutzt, rund ein Zehntel sind Freizeit- und Kleingärten. Der Rest verteilt sich auf öffentliche Parks, Sportanlagen, Streuobstwiesen, Naturschutzgebiete und Verkehrsflächen, wobei die Anteile dieser kleineren Posten je nach städtischer Veröffentlichung unterschiedlich ausgewiesen werden.
Kleingärten und Streuobstwiesen sind dabei die politisch schwierigsten Posten, weil beides Flächen sind, die in der kommunalen Praxis regelmäßig als Bauland betrachtet werden. Genau diese Nutzungen unter ein einheitliches Regelwerk zu stellen, ist der Kern des Beschlusses von 1991.
Diese Mischung macht den GrünGürtel zu einer Kulturlandschaft, in der Landwirtschaft, Kleingartenwesen und Naturschutz unter einem einzigen Regelwerk stehen, mitten in einer Stadt mit Hochhäusern. Die Nidda durchfließt das Stadtgebiet auf 18,6 Kilometern und bildet mit dem Niddatal einen der Hauptstränge.
Zweiundsechzig Kilometer Rundweg als Aufgabe für ein Wochenende
Der ausgeschilderte GrünGürtel-Radrundweg misst etwa 62 Kilometer und schließt sich um die Stadt. Für Fußgänger gibt es mit dem GrünGürtel-Rundwanderweg eine längere Variante von rund 68 Kilometern, offiziell in vier Etappen geteilt. An einem Tag ist die Runde nur mit dem Rad und mit Ehrgeiz zu schaffen.
Sinnvoll ist die Teilung in zwei Etappen, und zwar nicht symmetrisch. Der Nordosten mit dem Lohrberg und dem Berger Rücken bietet die Aussicht, der Südwesten mit dem Frankfurter Stadtwald, dem Jacobiweiher und der Schwanheimer Düne die Abwechslung. Am Folgetag beginnt die zweite Hälfte dann ausgeruht und ohne Rückfahrt.
Das bedeutet rund 31 Radkilometer je Etappe, bei 351 Höhenmetern auf der gesamten Runde nach Angaben des hessischen Radroutenplaners. Beide Halbrunden beginnen am Stadtrand, und die S-Bahn führt radial nach außen. Für diese Etappenteilung ist ein Hotel in Frankfurt in Innenstadtnähe deshalb der praktischere Startpunkt als der eigene Wohnort.
Ein Detail verrät den Charakter des Projekts. Das GrünGürtel-Tier hat Robert Gernhardt 2001 zum zehnjährigen Bestehen des GrünGürtels erfunden, eine Kreuzung aus Wildschwein, Molch und Star. Eine bronzene Ausführung kam später hinzu, auf einer Niddabrücke, die heute den Namen des Zeichners trägt. Eine Stadt, die ihrer Landschaft ein erfundenes Wappentier gibt, betrachtet sie nicht als Restfläche.
Wer den Vergleich zieht, prüft die eigene Kommune
Die Luftlinie zwischen Heinsberg und Frankfurt am Main beträgt rund 211 Kilometer. Von Aachen nach Frankfurt am Main fährt der schnellste Zug nach Angaben der Deutschen Bahn in einer Stunde und 49 Minuten, bei etwa 41 Verbindungen und bis zu acht Direktverbindungen am Tag. Aachen ist für den Kreis Heinsberg der nächste Fernverkehrsknoten, die Zubringerfahrt dorthin kommt also hinzu.
Die Reisezeit ist dabei die kleinere Frage. Nachzulesen ist im eigenen Rathaus, ob die Freiflächen der Kommune allein in einem Landschaftsplan stehen, der mit jeder Bauleitplanung neu abgewogen wird, oder ob darüber ein Grundsatzbeschluss liegt, der die Abwägung von vornherein begrenzt. Davon hängt ab, wie viel von einer Landschaft in dreißig Jahren übrig ist.
